10. März 2022

Der digitale Staat
in Singapur

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SingPass // Das erklärte Ziel des «Singapore Personal Access», kurz SingPass, ist es, allen Einwohnerinnen und Einwohnern von Singapur einen digitalen Identitätsnachweis und damit Zugang zu den digitalen staatlichen Dienstleistungen zu ermöglichen. Wir haben den digitalen Bruder des physischen Personalausweises genauer unter die Lupe genommen.

SingPass wurde in den frühen 2000er-Jahren zunächst als einfaches Zugangsportal für Behördendienste entwickelt. Bis zu diesem Zeitpunkt mussten die Bürgerinnen und Bürger sowie die ständigen Einwoh­nerinnen und Einwohner Singapurs unterschiedliche Zugangsdaten für eine Vielzahl von staatlichen Stellen verwalten. Die vielen Zugänge waren für die Benutzerinnen und Benutzer sehr aufwändig und für die Dienstleister infolge der hohen Fehlerquote häufig mit doppelter Arbeit verbunden. Viel einfacher war es, wenn anstelle der unterschiedlichen Regierungsbehörden mit ihren unterschiedlichen eingesetzten Methoden eine einzige Organisation die Identitäts­prüfung übernehmen würde. Die SingPass-Verantwortlichen versuchten also, alle Authentifizierungs- und Autorisierungsprozesse auf einer Plattform zusammenzufassen.
Der grundlegende Ablauf bei der Einführung der Lösung war ganz einfach: Um auf bestimmte staatliche Dienste zugreifen und diese nutzen zu können, erhielten die Nutzerinnen und Nutzer per Post personalisierte Zugangsdaten an ihre Wohnadresse. Die Zugangsdaten bestanden aus einem einfachen Nutzernamen und einem Passwort und konnten nur an einem bestimmten physischen Standort zurückgesetzt werden. Beim Aufrufen der Regierungsseite wurden die Nutzerinnen und Nutzer auf eine Anmeldeseite weitergeleitet und aufgefordert, ihren SingPass-Nutzernamen und ihr Passwort einzugeben. Nach Überprüfung ihrer Zugangsdaten konnten die Nutzer dann auf die Webseite zugreifen.

Politische Hürden
Um die Idee von SingPass verwirklichen zu können, musste eine Reihe von politischen Hürden überwunden werden. Seit den 1980ern wurde die Digitalisierung im Rahmen von staatlichen Initiativen stark vo­rangetrieben. Diese umfassten zunächst sechs ICT-Masterpläne mit dem Ziel, die Qualität und die Zahl an IT-Fachkräften zu erhöhen und in wissensintensive Sektoren zu investieren.
Mitte der 1990er-Jahre folgte dann eine weitere Initiative mit einem eher privatwirtschaftlichen Ansatz, um das Wachstum der Informations- und Kommunikationsbranche zu fördern. In diesem Zusammenhang lässt sich eine Art Muster erkennen: Staatlich geförderte Initiativen stossen zwar den Wandel an, inkludieren aber von Beginn weg die Privaten bei der Umsetzung.
Anfang November 2014 wurde mit der sogenannten «Smart Nation»-Initiative eine weitere staatliche Initiative ins Leben gerufen, die einen Wandel in Schlüsselbereichen, bspw. in den Bereichen Gesundheit, Verkehr, Finanzen und Bildung, forderte. Der Schwerpunkt lag dabei insbesondere auf dem Aufbau einer digitalen Wirtschaft, einer digitalen Regierung und einer digitalen Gesellschaft. In jedem dieser Bereiche werden sichere Identifizierungs- und Authentifizierungsmethoden benötigt. Das perfekte Einsatzgebiet für SingPass.

Singapore Government Tech Stack
In Singapur werden neue Technologien traditionell von unabhängigen Dienstleistern auf Einzelfallbasis eingeführt. Mit dem Singapore Government Tech Stack, kurz SGTS, können Regierungsbehörden dagegen auf eine Reihe von Tools und Diensten zugreifen, die auf einer gemeinsamen Infrastruktur gehostet werden.
Der Stack besteht aus einer Daten-, Cloud- und Microservices-Architektur, die einen einheitlichen Systemansatz für die technologische Infrastruktur bietet. Dadurch können Behörden ihre Dienste zügig erweitern und weiterentwickeln, ohne sich um die zugrundeliegende technologische Infrastruktur kümmern zu müssen. Dank dieses Stacks kann SingPass über Plug-and-Play-Schnittstellen schnell in allen Regierungsbereichen eingeführt werden.

Digitaler Identitätsnachweis
Mit diesen Voraussetzungen konnte Singapur nun eine radikale Umgestaltung von SingPass einleiten. Neben der reinen Verwaltung von Zugangs- und Authentifizierungsfunktionen war es jetzt möglich geworden, SingPass als Anbieter für digitale Identitätsnachweise zu nutzen.
Auf diese Weise müssen Behörden Informationen über Einzelpersonen nicht länger speichern und die für den Schutz von sensiblen Identitätsdaten erforderliche Sicherheitsinfrastruktur nicht selbst verwalten. Gleichzeitig wurde auch eine Option zur mobilen Authentifizierung eingeführt, sodass sich Nutzerinnen und Nutzer keine Passwörter mehr merken müssen.

Vom öffentlichen in den privaten Sektor
Nachdem die Nutzung im öffentlichen Raum etabliert war, wurde SingPass wie viele anderen Regierungsinitiativen auch für den privaten Sektor eingesetzt. Dies geschah mithilfe von zwei Ansätzen: CorpPass und Integrations-APIs.
CorpPass ist nichts anderes als SingPass für Unternehmen. Mit dieser Lösung können Firmen einen digitalen Identitätsnachweis erstellen und diesen zur Authentifizierung bei staatlichen Diensten nutzen.
Die Integrations-APIs (Application Programming Interfaces) dienen dagegen einem anderen Zweck: Sie ermöglichen der Privatwirtschaft den Zugang zu den in SingPass registrierten digitalen Identitäten. Auf diese Weise stehen nun auch die für die Regierungsbehörden erbrachten Dienste wie Nutzerauthentifizierung, Zugang zu Nutzerdaten und Identitätsüberprüfung geeigneten Partnern aus der Privatwirtschaft zur Verfügung.
Insbesondere für den zweiten Punkt gibt es eine Vielzahl von Anwendungsfällen. In der FinTech-Branche bspw. die Überprüfung der Identität der Kunden und weitere KYC-Prüfungen durch die Bank. Darüber hinaus könnten Automaten für den Verkauf altersbeschränkter Waren wie Alkohol entwickelt werden, die mithilfe von SingPass das Alter der Käufer überprüfen.

Covid-19 – ein Anwendungsfall
Im Zuge der Pandemie haben sich für SingPass einige wirklich interessante Anwendungsfälle abgezeichnet. Ein prominentes Beispiel hierfür ist die Ermittlung von Kontaktpersonen.
Bereits zu Beginn der Pandemie kündigte die Regierung von Singapur den Einsatz einer neuen mobilen Anwendung namens TraceTogether an. Diese App nutzt die integrierte Bluetooth-Funktion eines Smartphones, um einen bestimmten Radius um das Smartphone herum zu scannen, an-dere Smartphones mit derselben App zu identifizieren und die Expositionszeiten aufzuzeichnen. Wurde der Smartphone-Nutzer positiv auf das Virus getestet, können auf diese Weise potenzielle Kontaktpersonen zügig identifiziert werden.
Eine schnelle Implementierung der Lösung war u. a. dank der bestehenden SingPass-Infrastruktur möglich, durch die Nutzerinnen und Nutzer ihre Identität direkt über die TraceTogether-App verifizieren konnten, ohne sich an einem bestimmten physischen Standort melden zu müssen.
TraceTogether hat die Ermittlung von Kontaktpersonen vereinfacht und möglicherweise auch Ermittlungsgenauigkeit verbessert. Doch hinsichtlich des Schutzes der Privatsphäre gibt es einige Bedenken. Als Regierungsbeamtinnen und -beamte in einer Parlamentssitzung erwähnten, dass die TraceTogether-Daten bei polizeilichen Ermittlungen verwendet werden könnten, ging ein grosser Aufschrei durch die Öffentlichkeit, da man einen potenziellen Missbrauch der Daten befürchtete. Die transparente Nutzung und der Schutz der persönlichen Daten ist auch in Singapur ein wichtiges Thema, um die Akzeptanz des digitalen Staats zu fördern.

 

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Joel Tok
Joel Tok

Joel Tok hat mehr als sieben Jahre Erfahrung in der Software-Entwicklung und ist kürzlich zum ti&m-Team in Singapur gestossen. Neben seiner Leidenschaft für die Entwicklung von technischen Lösungen verbringt er seine Freizeit mit Reisen, Wandern und Kajak oder schreibt über technologische Themen.