11. Mai 2017

Die Identität von Robotern

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Wir leben gleichzeitig in einer realen und in einer virtuellen Welt. Heute geht es darum, dass die Unterscheidung zwischen Menschen und Maschinen mit dem technologischen Fortschritt immer schwieriger wird

Roboter verlassen die Industriehallen und werden alltägliche autonome Helfer in Haushalt, Verkehr, Gesundheitswesen oder Landwirtschaft. Sie beraten und unterhalten uns im virtuellen Netz. Die Grenze zwischen Mensch und Roboter verschwindet dabei immer mehr – und das viel schneller, als wir uns bewusst sind. 

Was macht uns als Individuen einmalig?

Technisch oder formell ist es unsere Identität. Unter Identität wird gemäss Wikipedia die Gesamtheit aller wesentlichen Eigenschaften verstanden, die einen Menschen, ein Tier oder eine Sache als Individuum beschreibt. Identisch bedeutet dabei die völlige Übereinstimmung, womit selbstverständlich identische Personen und Tiere ausgeschlossen sind. Dinge dagegen können sehr wohl identisch sein. Allerdings können sie mit einer Nummer oder einer IP-Adresse eine eindeutige Identität erhalten.

Identität ist allerdings nicht mit Persönlichkeit zu verwechseln. Eine mögliche Definition beschreibt Persönlichkeit als ein Set von Eigenschaften wie Werte, Verhalten, Erinnerungen und Wissen. Dies bedingt Lernfähigkeit. Der Philosoph John Locke hat es bereits 1690 treffend formuliert, dass Persönlichkeit nur intelligenten und rechtsfähigen Akteuren zukommt.

Roboter können eine Identität haben. Aber können sie auch eine Persönlichkeit haben? Im Folgenden werden dazu zwei Aspekte genauer betrachtet: Intelligenz und Verantwortung. Ersteres bedingt (soziale) Lernfähigkeit – was es wiederum ermöglicht, Werte und Verhalten zu entwickeln. Zweiteres befasst sich mit den Konsequenzen, die diese Fähigkeit auslöst.

Sind Roboter intelligent?

Unter Intelligenz wird im Allgemeinen die kognitive Leistungsfähigkeit des Menschen verstanden. Künstliche Intelligenz bezeichnet Algorithmen, die intelligentes Verhalten zeigen und das menschliche Verhalten simulieren. In diesem Sinne sind die Maschinen auf bestem Weg, intelligent zu sein oder zu werden. Roboter können sich heute autonom bewegen, ortsunabhängig miteinander (und mit Menschen) kommunizieren, lernen und mit kognitiver Logik selbstständig Entscheidungen treffen. Ihr Verhalten, als Reaktion auf die Umwelt, kann sogar bis zu einem gewissen Grad unvorhersehbar sein.

Es besteht die Möglichkeit und Befürchtung, dass intelligente Roboter die intellektuellen Fähigkeiten von Menschen in naher Zukunft übertreffen könnten. Damit könnte die Kontrolle über die eigene Schöpfung verloren gehen. Oder frei nach Goethe «Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los».

Können Maschinen Verantwortung übernehmen?

Was passiert aber, wenn Roboter falsche Entscheidungen treffen? Kann ein intelligenter Roboter für seine Fehler verantwortlich gemacht und verurteilt werden? Welche rechtliche Grundlage besteht hierzu? Für eine Verurteilung braucht es einen eigenen Willen und ein Bewusstsein für Recht und Unrecht.

Einem Roboter kann in einem technischen Sinn durch seine Fähigkeit zu lernen ein eigener Wille, und durch seine Programmierung ein Bewusstsein über Recht und Unrecht zugesprochen werden. Allerdings wird er nur im Rahmen eines Dilemmas oder eines Programmierfehlers einen Schaden verursachen, den er zu verantworten hat. Typisches Beispiel eines Dilemmas ist der unvermeidbare (unverschuldete) Unfall eines autonomen Fahrzeuges, in dem er sich für einen Schaden entscheiden muss. Links ausweichen, bedeutet, den Gartenzaun zu beschädigen, rechts die Verkehrsinsel.

Heute ist der Nutzer oder Besitzer haftbar, wenn zum Beispiel mit einem autonom fahrenden Auto ein Unfall passiert. Hier öffnet sich allerdings eine Kluft zwischen der Verantwortlichkeit und der Einflussmöglichkeit, was den geltenden Rechtsprinzipien und dem allgemeinen Rechtsempfinden widerspricht. Als Alternative bietet sich die Produktehaftpflicht an, womit der Hersteller für den Schaden haftet. Dabei stellt sich die Frage, ob ein Hersteller die potenziell grossen Risiken überhaupt tragen kann oder will. Alternativ wäre es möglich, dass eine Maschine über ein eigenes Vermögen verfügt oder zumindest eine Versicherung hat, um allfällige Schadenersatzansprüche zu befriedigen. Stellen Sie sich ein selbstfahrendes Uber-Fahrzeug vor. Es nimmt Geld ein, bezahlt damit den Unterhalt und die allfällige Versicherung.

Die Rechtsfähigkeit ist für natürliche und juristische Personen in der Schweiz im Zivilgesetzbuch geregelt. Für natürliche Personen beginnt die Persönlichkeit mit dem Leben nach der vollendeten Geburt und endet mit dem Tod. Bei juristischen Personen beginnt und endet sie mit dem Eintrag in das Handelsregister respektive der Löschung aus dem Handelsregister.

Im Rahmen der EU-Projekts «RoboLaw» wurden neben den Gefahren auch Verantwortlichkeiten diskutiert. Der Rechtsausschuss hat dem EU-Parlament dazu einen Entwurfsbericht vorgelegt. Roboter könnten als elektronische Personen betrachtet werden und somit zu einem Rechtssubjekt mit einer Rechtspersönlichkeit mit Rechten und Pflichten werden. Damit würde der technologischen Entwicklung und den Fähigkeiten von Robotern Rechnung getragen. Es würde eine Annäherung zwischen den Rechten und Pflichten von Menschen und Robotern bedeuten.

Die Beziehung zwischen Menschen und Maschinen

Man könnte intelligenten Robotern unter bestimmten Bedingungen eine Persönlichkeit zugestehen. Viele Menschen pflegen heute schon intensive, wenn auch einseitige Beziehungen zu Dingen. Es wird an Robotern gearbeitet, die zu emotionalen Beziehungen fähig sind. Eine erste Umsetzung dazu stellt der humanoide Roboter Pepper von Aldebaran Robotics und SoftBank dar. Er kann Emotionen lesen und zeigen oder zumindest simulieren.

Aber Menschen können nicht nur ersetzt, sondern auch unsterblich werden. Ein Roboter kann als Kopie eines Menschen erstellt werden. Dies erlaubt es, mit dem Roboter, der die Verhaltensmuster einer natürlichen Person gelernt hat, über deren Tod hinaus zu kommunizieren. Es wird die virtuelle Unsterblichkeit simuliert. Ist dies Fiktion? Nein, Eternime bietet dies bereits heute an, indem alle erreichbaren Fakten und Verhaltensmuster über einen Menschen vorerst in einem virtuellen Roboter respektive Avatar der verstorbenen Person konserviert werden.

Intelligenz und Verantwortung als Unterscheidungsmerkmale zwischen Mensch und Maschine scheinen bald ausgedient zu haben. Als Unterschied bleibt künftig vielleicht nur noch Fleisch und Metall. Aber hier werden die Biologen möglicherweise eine andere Meinung haben.

 

Mehr Lesematerial gefällig? Dieser Artikel ist in der 2017 Ausgabe des ti&m special mit dem Titel "Unsere digitale Identität" erschienen. Das ganze Magazin ist hier kostenlos als Download verfügbar.


Dr. Thomas Ankenbrand
Dr. Thomas Ankenbrand

Thomas Ankenbrand ist seit 2015 am Institut für Finanzdienstleistungen Zug (IFZ) der Hochschule Luzern im Bereich FinTech tätig. Zudem ist er Verwaltungsrat von verschiedenen Unternehmen im Finanzbereich und Dozent an der Universität Zürich.

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