13. July 2022

17 Jahre – ti&m-Surfer seit Tag 1

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Seit 2005 digitalisiert ti&m die Schweiz. Fünf unserer Surfer sind seit Tag 1 mit dabei. Wir haben mit ihnen über ihre Erfahrungen von fast zwei Jahrzehnten Digitalisierung gesprochen. Diese Woche mit Alexander Troitzsch.

Du hast im Januar 2005 bei ti&m angefangen – einen Monat bevor Youtube gegründet wurde. Warum hattest du dich damals entschlossen, nur ein paar Jahre nach der Dotcom-Blase bei einem Software-Start-up anzufangen?
Genau wegen des Platzens dieser Dotcom-Blase wurde ich als Mitarbeitender der Systor in Basel 2002 von einer grossen amerikanischen Firma aufgekauft. Aufgrund des weltweiten Netzwerkes und der weltweiten Projekte war das neue Umfeld an sich sehr spannend. Wegen den schlechten Arbeitsverträgen, der Anonymität und der Unverbindlichkeit von Familie und Beruf habe ich aber ein neues Schweizer Zuhause gesucht.

Was war dein erster Computer? Und welchen hast du jetzt?
Der erste Computer, mit dem ich gearbeitet habe, war der KC85/3. Dieser Kultrechner mit sagenhaften 32 KByte RAM und dem vielsagenden CAOS-Betriebssystem wurde ab 1987 in meiner Heimatstadt Erfurt im damals sozialistischen Osten von Deutschland gebaut. Ich hatte Glück, dass meine Schule eine der wenigen in der DDR mit einem Computer-Club war. Später konnte ich so unseren ESP-Lehrer – ESP stand für ‹Einführung in die sozialistische Produktion› – unterstützen, der sich von Schulstunde zu Schulstunde noch einarbeiten musste. Heute hat man an jeder Ecke einen Computer und nutzt ihn halt einfach, ob nun PC, Mac oder Smartphone.

Du hast dich einen grossen Teil deines Lebens mit Technologie befasst. Was fasziniert dich noch heute daran? Fasziniert sie dich mehr als früher?
Was mich als Medieninformatiker immer besonders fasziniert hat, ist die Schnittstelle zwischen Mensch und Technik sowie die Möglichkeit, Dinge selber machen und automatisieren zu können. All die neuen Möglichkeiten, die mit Vernetzung, Rechenleistung und Co. möglich geworden sind: digitale Archive für Wissen, Filme, Fotos, Bücher usw., permanente Awareness zwischen Menschen ad hoc über Kontinente hinweg oder die ganzen «Do it yourself»-Möglichkeiten für Layout, Fotografie oder Authoring. Allerdings ist heute alles Mainstream geworden, daher hat die Faszination eher abgenommen.

Welcher Aspekt der Technologie fasziniert dich am meisten?
Die Beschleunigung und Allgegenwärtigkeit, die aber auch etwas Beängstigendes haben.

Was war die sinnloseste/dümmste IT-Innovation der letzten Jahre?
Ich mag generell keine Superlative und masse mir auch nicht an, dies bewerten zu können. Fortschritt braucht immer auch den Mut zur Innovation und zum Scheitern. Gescheiterte Projekte wie Insieme oder auch einfach zu frühe Projekte wie Google Glass gibt es viele. Und trotzt oder vielleicht gerade wegen ihres Scheiterns bieten sie häufig die Chance zum Lernen.

Was war der grösste Tech-Hype?
In meinem Umfeld war das einmal XML. Es gab Leute, die haben sich den Begriff auf Partys zugeraunt als wäre XML der Heilsbringer, mit dem sich nun alle Informatikprobleme der Welt in Luft auflösen.

Welche Innovation/Technologie hätte deiner Meinung nach erfolgreicher sein müssen?
Da fällt mir spontan die ganze Thematik des eGoverment ein. Wenn man sich überlegt, wie lange wir nun schon vielfältige Möglichkeiten zur Prozessoptimierung und -digitalisierung besitzen und wo wir teilweise bei den Services für die Bürger oder auch für die Firmen stehen, dann erkennt man eine fast unerträgliche Trägheit. Man denke nur an das ‹tolle› faxbasierte Coronaformular zu Beginn der Pandemie.

Gibt es ein grosses technisches «Was-wäre-wenn», das dich nachts wachhält?
Wach hält mich so schnell gar nichts😊 Was mich aber beschäftigt ist die Frage, ob es irgendwann einen Zustand gibt, bei dem alle einfachen Jobs digitalisiert sind. Viele Menschen genügen dann den Anforderungen an die Arbeitswelt nicht mehr und es stellt sich die Frage, wie wir als Gesellschaft damit umgehen.

Was, dachtest du, wird ‹the next big thing› in der Technologie? Und was war im Nachhinein betrachtet der grösste Technologiesprung?
Ich habe mich nie so wahnsinnig als Futurologe beschäftigt. Im Nachhinein ist es spannend zu beobachten, wie einfache Entwicklungen die Welt systematisch verändert haben. Entwicklungen, die man von Beginn an selber als faszinierende Neuerungen miterlebt hat. Das sind dann die bekannten Klassiker wie Internet, Smartphone und Co. Treiber waren häufig eine breite, kostengünstige Verfügbarkeit und die Einfachheit der Benutzung. Solche Werkzeuge in den Händen einer grossen Anzahl an Menschen kann stille Revolutionen auslösen. Heute kann zum Beispiel jeder Einzelne ein Fotolabor, eine Zeitung oder ein Fernsehkanal sein – ganz im Sinn von Marshall McLuhan: «Wir formen unsere Werkzeuge, und dann formen die Werkzeuge uns.»

Gibt es Entwicklungen im Tech-Bereich, die dich beunruhigen? Was würdest du in der IT ändern, wenn du könntest?
Ich denke beängstigend kann es werden, wenn wir nicht mehr bloss Werkzeuge herstellen, sondern vollständig autonom handelnde Systeme. Da besteht aus meiner Sicht die Gefahr, dass Dinge entstehen, die wir als Menschen nicht mehr selber steuern können. Was ich im IT-Bereich gern stärker in den Fokus rücken würde, ist die Nachhaltigkeit.

 


Alexander Troitzsch
Alexander Troitzsch

Alexander Troitzsch arbeitet seit 2005 in verschiedenen Rollen bei ti&m. Er hat als Softwareingenieur Content-Management-Anwendungen, Publishing-Prozesse und Frontends entwickelt, als Verantwortlicher das Kunstprojekt art@work und die Marketingabteilung mit aufgebaut und als Consultant, Scrum-Master, Business-Analyst und Projektleiter zahlreiche Projekte bei Kunden und ti&m begleitet.